Reisen; alles nur Schokoladenseiten? // Travel Blog Teil 2

Tokio, Japan, 17.03 Uhr, Hotel Gracery Ginza. Aktuell sitze ich auf dem kleinen Bett im Hotelzimmer und blicke auf das “Salvatore Ferragamo” Gebäude vis à vis von mir. Ginza ist ein turbulentes Geschäftsviertel in Tokio, das bekannt ist für eine 5th-Avenue ähnliche Shoppingmeile und überteuerten Restaurants. Hier haben wir die letzten fünf Tage unserer zweieinhalb-wöchigen Reise durch Japan verbracht. Wie in meinem letzten Blog bereits erwähnt, tourten wir von Tokio nach Hakone, von Hakone ging es weiter nach Kyoto und dann nach Osaka. Tokio ist unsere letzte Destination vor unserer morgigen Rückreise nach Hause. Bevor ich mit dem eigentlichen Thema von heute beginne, interessiert euch sicherlich, welche Stadt mein Favorit war. Es war – wie vermutet und erhofft – Kyoto. In Kyoto findet man das traditionelle und doch auch internationale Japan vor – Alt trifft auf modern und neu. Das Geisha Viertel “Gion” hat mich persönlich umgehauen. Hier fühlte ich mich tatsächlich um einige Jahre versetzt: im alten Japan unter Geishas. Selbstverständlich haben wir auch waschechte Geishas und Maikos (Geishas in Ausbildung) gesehen und Fotos gemacht. Auf der anderen Seite wimmelte es auch hier von Starbucks Filialen und guten Italienern, was für uns noch praktisch und hilfreich war. In Hakone durften wir traditionelle japanische Mahlzeiten “geniessen”, wobei ich mich als absolute Kulturbanause entpuppte. Ich bin eigentlich nicht heikel, was Essen betrifft (ausser Innereien und solches Geschmäus), aber diese typisch japanische Mahlzeiten (und nein, das besteht nicht nur aus Gurken-Sushi), haute mich aus den Socken. Wir hofften lediglich auf eine Schüssel Reis, damit wir nicht hungrig ins Bett mussten – Zum grossen Glück wurden wir erhört. Die vorherigen Gänge bestanden aus teilweise unerklärlichen Tierchen bis hin zu Suppen, die mehr Geglitscher als sonst was waren. Es tut mir leid, liebe Japaner, ihr seid bisher eines der besten Völker was Anstand und Manieren betrifft, aber, mit dem Grossteil der traditionellen Küche kann ich leider nichts anfangen. Nichts desto trotz war diese Reise einfach nur gelungen! Wer meine Insta Stories fleissig verfolgt hat, der erhielt einen kleinen Einblick in diese Welt. Kommen wir nun zum eigentlichen Thema: Mit diesem Bericht möchte ich ein wenig kritischer hinter die #travel Fassade blicken und diese anhand von persönlichen Beispielen, die wir jetzt in Japan erlebt haben, verbildlichen / illustrieren. Dies sollte durchaus kein negativer Bericht über das Reisen werden oder mich als absoluten Bünzli aka Spiessbürger darstellen, sondern eine Prise Wahrheit – vor allem in der Scheinwelt Social Media – aufzeigen.

Die nackte Wahrheit

Sonne, Strand und Meer. Brauner Teint, Bikinis und gewelltes Haar. Wohlbefinden, Lockerheit, Entspannung. Ferne Länder, Kulturen, Abenteuer. Ihr wisst, worauf ich hinaus will. Ja, die wunderschönen Instagram Bilder der Reisenden führen öfters zu Fernweh. Meistens sitzt man selber Zuhause im verregneten Land, geht zur Arbeit und rackert sich ab. Tag ein, Tag aus grüsst das Murmeltier. So geht es mir zumindest, wenn ich länger nicht auf Reisen war – sei es ein Wochenendtrip in der Nähe oder Badeferien. Wir entwickeln eine Art Unzufriedenheit und möchten raus in die weite Welt: Abenteuer erleben, Geschichten erzählen und sich schlicht und einfach erholen. Doch was ihr NIE auf Insta oder Facebook sehen oder lesen wird, sind ehrliche Geständnisse darüber, wie anstrengend das Reisen sein kann. Wie scheisse man nach einem 12-stündigen Flug aussieht und, dass der Jetlag zu Blähungen führen kann. Keiner lädt Fotos hoch, wie man hungrig durch die Gegend irrt, weil mein kein anständiges Restaurant findet oder Augenringe hat, weil man aufgrund des unbequemen Hotelbettes kein Auge zu bringt.

Outfit / Make Up

Bei mir fing es schon Zuhause beim Einpacken an – Ein Prozedere, das ich allgemein verabscheue. Ich habe mir ziemliche Gedanken darüber gemacht, was ich an Outfits mitnehmen soll – Ich möchte doch gut aussehen auf den Fotos, die ich mit euch teile! Als wir dann den ganzen Tag durch Tokio irrten, verschwitzt waren, in der Metro wieder abkühlten und dann zur nächsten Sehenswürdigkeit liefen, sagte ich mir: Scheiss aufs Outfit! Hauptsache bequem und dem Klima angepasst. Das gleiche Problem bestand bei der Schminke. Auch das spielt absolut keine grosse Rolle, wenn du auf Reisen bist. Und damit meine ich wirklich Reisen! Nicht ins Taxi setzen und sich herum chauffieren lassen (auch wenn das ganz toll ist), sondern die Welt durch Stock und Stein erkunden. Ich selbst habe mich jeden Tag zurecht gemacht, doch am Abend war das Make Up jeweils fast weg, da ich den Tag durch so geschwitzt hatte. In Kyoto hatten wir eine Menge zum Sehen und Erleben. Da die Stadt im Vergleich zu den Metropolen Tokio und Osaka ein kleines Dörfchen ist, haben wir Vieles zu Fuss gemacht (statt mit der U-Bahn). Die ersten paar Tage hatte ich nur lange Hosen dabei, weil der Wetterbericht nicht anzeigt hatte, dass es etwa 30 Grad heiss sein wird. Die Suche nach kurzen Hosen war schwer, da bereits die Herbst/Winter Kollektion ausgestellt war. So eilte ich von Geschäft zu Geschäft und schaute mich nach passender Bekleidung um. Ich wollte ein Experiment starten und herausfinden, wie diese Travelblogger diese wunderbaren Bilder schiessen und wie sie so fit und schön ausschauen können. Ich konnte das jedenfalls nicht gut, während meiner ganzen Reise nicht. Falls ein Travelblogger meinen Bericht liest: Bitte melden!

In einem fremden Land unterwegs

Ein anderer Punkt, den wir auch gerne vergessen, ist der, dass wir uns bis zu einem gewissen Grad an der Tradition anpassen sollten. Man muss herausfinden, wie das Volk tickt – Was sind No-Gos und wie können wir ihnen ein Lächeln auf die Lippen zaubern? Das allgemeine Zurechtfinden – sei es jetzt am Bahnhof oder in einem Restaurant – ist zwar spannend, kann aber auf Dauer auch anstrengend werden. Wir hatten mal ein extrem stressiges Erlebnis, wobei wir fast den Zug von Kyoto nach Osaka verpasst hatten. Unterwegs mit unseren Backpacks sowie je einem grossen Koffer kamen wir am Kyoto Bahnhof an. Die Fahrt nach Osaka dauert von dort aus mit dem Schnellzug nur etwa eine halbe Stunde. Dennoch waren wir mit Gepäck am Start und schlängelten uns irgendwie durch den morgigen Tumult am Bahnhof und ich sag euch nur eins… Da war mal was los! Dann kam es noch so, dass wir unser Bahnsteig nicht finden konnten, da der Bahnhof sozusagen zweistöckig ist und wir uns innerhalb von verbliebenen 10 Minuten zurechtfinden mussten. So rannten wir so gut wie möglich quer durch die riesige Bahnhofshalle und schafften den Zug nach Osaka so noch ganz knapp. Da wir in der klitzekleinen Schweiz leben, sind wir uns dessen nicht immer bewusst. Aber die Welt da draussen ist riesig! Die Distanzen sind für uns kaum vorstellbar. Für kurze Strecken muss man jeweils viel Zeit berechnen – Etwas, das wir hier kaum kennen.

Fushimi Inari, Kyoto

Hama Rikyu Garden, Tokio

Sprachbarrieren

Das japanische Volk spricht allgemein nicht gut Englisch. Die, die diese Sprache am besten beherrschten, waren junge Starbucks Mitarbeiter. Wahrscheinlich Studenten. Was mich persönlich ein wenig verunsicherte und auch störte war, dass viele Hotelmitarbeiter (bekannter und internationaler Hotelketten) schlecht Englisch sprachen. Für mich ist das Können diverser Sprachen bei Hotelmitarbeiter ein Muss. Insbesondere in Grossstädten! In Japan – insbesondere in Hakone – hatten wir mit sprachlichen Barrieren zu kämpfen. Okay, kämpfen ist ein wenig übertrieben, aber wir mussten uns immer wieder mit Hand und Fuss verständigen. Hakone ist ein kleiner Erholungs- / Wellnessort in der Nähe von Tokio. Die meisten Urlauber sind Japaner, keine Europäer wie wir. So könnt ihr euch vorstellen, wie ihre Englischkenntnisse waren. Wir verbrachten dort eine Nacht in einem Ryokan. Ein Ryokan ist ein traditionell japanisches “Hotel”, das mit einem Onsen (heisse Quelle aka Whirlpool) ausgestattet ist. Als wir in unserem auschecken wollten, gab mir die Frau an der Rezeption eine Rechnung mit einem hohen Betrag Yen (japanische Währung). Da sie kein Wort Englisch konnte, dachte ich mir, dass das irgendwelche Kosten für die Benutzung des Onsens sind. Somit legte ich ihr einen kleinen Batzen auf den Tresen und wollte los, als sie wieder anfing, japanisch zu sprechen und “no,no!” rief. Als mein Freund hinzu kam, haben wir herausgefunden, dass wir noch die Übernachtung bezahlen mussten, da diese ausnahmsweise nicht vorher bezahlt worden ist. Somit zahlten wir dies vor Ort. Ich schämte mich ein wenig, aber schlussendlich kann niemand von uns allen was dafür, weil es schlicht und einfach am Sprachverständnis lag.

Mahlzeit!

Zu guter Letzt das Essen. Die, die uns kennen und unsere Geschichten gehört und Bilder gesehen haben, wissen, wovon ich schreibe. Schlicht und einfach: die traditionelle japanische Küche war nicht so unser. Und nein, ich schreibe hier nicht von Sushi und Co. Sushi und Co. konnte nämlich ganz lecker und günstig sein, aber man musste es sich heraussuchen. Tripadvisor sei Dank! Im Ausland bin ich nur mit Tripadvisor unterwegs. Mahlzeiten sind mir sehr wichtig und muss qualitativ gut sein (ich habe keinen Bock auf eine Lebensmittelvergiftung!) und lecker! Da Japan – insbesondere Tokio – nicht besonders günstig ist, mussten wir für gute Restaurants teilweise ziemlich Geld liegen lassen. Auch hier mussten wir uns zuerst wieder orientieren: in welchem Stadtteil gibt es gutes und günstiges Essen? Und ein heisses Thema: Wo finde ich gutes Morgenessen? Oder einfach nur ein Stück Vollkornbrot? Wer sucht, der findet. Und so waren wir öfters mit der Suche nach einem preiswerten und doch feinem Restaurant beschäftigt. Ihr könnt mir glauben, wenn ich euch sage, dass ich mich irgendwann sogar auf das Kochen zu Hause freute!

Mt. Fuji

Ende gut, alles gut

So, mein Blog ist zu lange geraten und ich konnte einen winzigen Bruchteil dessen erzählen, was ich wollte (deswegen spreche ich sogar noch lieber als ich schreibe). Was ich euch eigentlich kurz und bündig damit sagen will: Reisen ist in meinen Augen strebenswert. Es ist so eine tolle Sache, die Welt und neue Kulturen zu erkunden. Doch es ist auch nicht immer Gold was glänzt! Wir vergessen auch die dazugehörigen und total normalen Schattenseiten und die Grenzen, an die man jeweils gehen muss (ich und Fliegen). Im Grossen und Ganzen empfehle ich jedem, ab und zu das vertraute Heim zu verlassen und ein Abenteuer zu starten, denn wie schon bereits erwähnt: Reisen bereichert unser Leben!

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